Man lernt im Laufe seines Lebens, dass es Dinge gibt, für die man sich rechtfertigen muss: Wenn man zum ersten Date zu spät und in Begleitung erscheint, muss man sich rechtfertigen; wenn man Speedmetal, Trashmetal und Deathmetal nicht auseinander halten kann, muss man sich rechtfertigen; …
…Wenn man Pommes am liebsten ohne Sauce, Brot ohne Butter und Cornflakes ohne Milch isst, muss man sich rechtfertigen; wenn man an Karneval zu Hause bleibt, im Hochsommer in die Eisporthalle geht, am Wahltag lieber ein Lokal im herkömmlichen Sinne besucht – oder wenn sich mitten in einer Partie Pfannkuchenfrisbee herausstellt, dass ein Zuschauer sich bei der Armenspeisung engagiert, dann muss man sich rechtfertigen. Seit neustem weiß ich, dass auch ein Ausflug nach Solingen etwas ist, für das man sich rechtfertigen muss.
Erzählt man seinen Freunden, am Wochenende fahre ich mal nach Köln, nach Dortmund, Essen oder Bonn wird dieser Plan mit zustimmendem Nicken abgetan und man redet weiter worüber man eben redet. So genau könnte wahrscheinlich auch niemand sagen, was so gut daran ist, da mal hinzufahren. Aber es besteht anscheinend eine geheime Übereinkunft, dass es sich für einige Städte lohnt, die eigene zu vernachlässigen. Mit Solingen ist es anders. „Solingen, wieso denn Solingen? Wie kommste denn darauf?“, werde ich gefragt und das da vom darauf wird zusätzlich gedehnt, während mein Gegenüber die kleine Stadt auf seiner imaginären Landkarte sucht. „Das ist bei Wuppertal“, antworte ich vorsorglich, „Ich schreib doch diese Kolumne über das NRW-Ticket, dachte wär doch mal interessant – Solingen – war man ja eher noch nicht, oder?“ Aber mehr als höfliche Skepsis kann ich so nicht gewinnen: „Würd man auch eher mal nicht hinfahren, oder?“
Über Solingen weiß ich nicht viel. Die Messer kommen daher, soviel ist klar. Zusammen mit meiner Freundin sitze ich im Regionalexpress, der sich unter beständiger Bewölkung ins bergische Land windet. Ich habe mir ein Buch mit auf die Reise genommen, das ein Solinger geschrieben hat. „Lenin kam nur bis Lüdenscheid“ von dem derzeit gefragten Richard David Precht. Es handelt von der Kindheit des Autors, der in einer westlinken Familie inmitten von Provinzlern aufwächst. In Lüdenscheid gab es eine rote Jugendgruppe, in Solingen nicht. Er schreibt: „Der Solinger an sich [...] gilt zu Recht als nicht besonders kontaktfreudig. Das Wetter ist überdurchschnittlich feucht, die sanften Hügel [...] lassen die Wolken über Solingen abregnen, und wo man hinspuckt wächst Moos“. Das hebt nicht gerade meine Erwartungen. Der Gedanke kommt mir, dass Lüdenscheid vielleicht ein besseres Reiseziel sein könnte. Immerhin soll dort eine lebensgroße Plastik der Loriotfigur Herr Müller-Lüdenscheid zu besichtigen sein.
Als es soweit ist steigen wir doch in Solingen aus, nehmen die Herausforderung an, hier etwas zu erleben. Anders als in größeren Städten spült uns keine Woge von Menschen aus dem Hauptbahnhof. Es ist mehr ein Schwapper – wie mein Vater früher im Sommerurlaub die harmlosen Wellen genannt hat, die sich nicht brechen. Als einzige folgen wir den Schildern in Richtung Touristeninformation. An Herbstdonnerstagen rennen die Leute Solingen nicht gerade die Bude ein. Unter einem großen „I“ duckt sich ein schmuckloses gefliestes Gebäude, das hoffentlich der Schlüssel zu diesem Tag sein wird. Als wir es betreten stehen wir gleich in einem Flur. An die Wände sind Sitzgelegenheiten gerückt, die gegenüberliegenden Türen kommunizieren über rote und grüne Lichter mit einigen wartenden Solingern.








